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Medienspezifische Sprachperformanz : eine empirische Studie zum Einfluss von Medialitätsmodus und Interaktivität bei Agrammatikern und Sprachgesunden



Verantwortlichkeitsangabevorgelegt von Luise Springer, geb. Panny

ImpressumAachen : Publikationsserver der RWTH Aachen University 2004

UmfangX, 600 S.


Aachen, Techn. Hochsch., Diss., 2004


Genehmigende Fakultät
Fak07

Hauptberichter/Gutachter


Tag der mündlichen Prüfung/Habilitation
2004-07-12

Online
URN: urn:nbn:de:hbz:82-opus-8831
URL: https://publications.rwth-aachen.de/record/59560/files/Springer_Luise.pdf

Einrichtungen

  1. Philosophische Fakultät (700000)

Inhaltliche Beschreibung (Schlagwörter)
Agrammatismus (Genormte SW) ; Performanz (Genormte SW) ; Kommunikationsverhalten (Genormte SW) ; Indirekte Kommunikation (Genormte SW) ; Sprachwissenschaft, Linguistik (frei) ; Medialität (frei) ; Aphasie (frei) ; Agrammatismus (frei) ; Computer-Talk (frei) ; Face-to-Face (frei) ; Monitorings- und Repairverhalten (frei) ; Textproduktion (frei) ; Adaptationshypothese (frei)

Thematische Einordnung (Klassifikation)
DDC: 400

Kurzfassung
Die vorliegende empirische Studie liefert detaillierte Belege, in welcher Weise die Sprachperformanz durch dialogische und mediale Einflussfaktoren geprägt ist. Demnach sind Wortwahl und Syntax sowie das Monitoring- und Repairverhalten sowohl von Personen mit zentralen Sprachstörungen (Aphasien) als auch von hirnorganisch gesunden Personen von den jeweiligen interaktiven und medialen Produktions- und Rezeptionsbedingungen spezifisch beeinflusst. Die Ergebnisse beruhen auf linguistischen und prüfstatistischen Analysen mündlicher und computergestützter schriftlicher Textproduktionen, bei denen kontextuelle Faktoren, Gesprächspartner und semantische Textsorte (Filmbericht) vergleichbar gehalten wurden. Die Probanden waren einerseits acht Personen mit chronischem Agrammatismus und andererseits acht hirnorganisch gesunde Kontrollprobanden, die nach Geschlecht, Schulbildung und Alter (45 - 75 Jahre) mit den aphasischen Probanden vergleichbar waren. Hinsichtlich des Medialitätsmodus (mündlich vs. schriftlich) zeigt sich, dass die Ausprägung des Agrammatismus durch die transitorischen Eigenschaften der mündlichen Textproduktion verstärkt wird. Da Aphasiker nur über ein reduziertes Zeitfenster zur Prozessierung ihrer Sprachäußerungen verfügen, finden sich im mündlichen Modus vermehrt lange, gefüllte Pausen und iterative Strategien, welche die sprachlichen Gedächtnisfunktionen entlasten und die Aufrechterhaltung des Rederechts ermöglichen. Dagegen schafft die graphische Plattform beim Schreiben und Lesen eine stabile Möglichkeit der Bearbeitung von Sprachstrukturen, so dass alle sprachlichen Ressourcen genutzt werden können. Dies erlaubt den Probanden im monoaktiven Schriftmedium einen literaten Stil zu verwenden, der durch einen höheren Anteil nominaler Elemente, durch größere Wortvariabilität für Verben sowie durch längere und komplexere Phrasen- und Satzstrukturen gekennzeichnet ist. Wie sich zeigte, erfordern die Online-Bedingungen der FACE-TO-FACE-Kommunikation eine rasche Sprachverarbeitung und die Synchronisierung mit dem Interaktanten. Dies führt bei beiden Probandengruppen zur Bevorzugung eines einfachen Sprachstils mit kurzen und nebengeordneten Sprachstrukturen. Auch im schriftbasierten COMPUTER-TALK wählen beide Probandengruppen eine Sprache der Knappheit mit vielen Satzfragmenten und parataktischen Strukturen. Damit bestätigt sich die These, dass die neuen Kommunikationsmedien (CHAT und COMPUTER-TALK) eine Zwitterstellung zwischen Oralität und Literalität einnehmen, indem sie zwar schriftlich prozessiert, jedoch „re-oralisiert” sind. Des weiteren liefert die Studie einen adaptationstheoretischen Beitrag zur Erklärung der variablen Ausprägung des Agrammatismus. Zwar ließ sich die „Overuse”- und Ellipsen-Hypothese erhärten, dass die telegrammstilhaften Äußerungen von Agrammatikern überwiegend aus wohlgeformten „Kontextellipsen” bestehen. Jedoch lässt sich diese Adaptation nicht ausschließlich auf die reduzierte Verarbeitungskapazität von Agrammatikern zurückführen, sondern erfolgt - wie bei gesunden Sprechern - aufgrund einer strategischen Anpassung an die jeweiligen medialen Dispositive und kommunikativen Bedingungen. Alles in allem zeigt die Studie, dass chronische Agrammatiker mittleren- bis leichten Schweregrades trotz Sprachstörung ebenso wie Sprachgesunde über einen flexiblen Zugriff auf sprachliche Formate verfügen, die sie dem jeweiligen Adressaten, dem kommunikativen Ziel und der medialen Performanz anpassen. Die intra-individuelle Variabilität des Agrammatismus lässt sich demnach nur erklären, wenn die mediale und interaktive Bedingtheit der Sprachverwendung berücksichtigt wird. Die Beispiele der Sprachperformanz von Aphasikern schärfen insofern den Blick auf eine allgemeine Eigenschaft der Sprache: Sprachliches Wissen ist nicht kontextunabhängig organisiert, sondern wird medialitätsspezifisch und interaktionsabhängig prozessiert.

This empirical study provides detailed evidence how dialogue and media factors impact language performance. Accordingly, both lexical choice and syntax (and also monitoring and repair behavior) encountered in persons suffering central language disorders (aphasia) and normal control persons are impacted in response to the conditions of interactive and media production and reception. The results are based on the linguistic and statistical analysis of oral and computer-mediated written text production, in which contextual factors, dialogue partners and the kind of semantic text (film report) were rendered comparable. The test persons consisted of eight persons suffering chronic agrammatism, plus eight healthy control persons selected to match the aphasic patients in respect of sex, education and age (45 - 75 years). It was shown that the symptoms of agrammatism are amplified by the volatile/transitory character of oral text production according to media mode (oral vs. written). The reduced time window which aphasics have for processing their utterances means that oral mode features lengthier, filled pauses and iterative strategies, which both aid memory functions and enable maintenance of turn in dialogue. At the same time, the graphic platform in reading and writing creates a stable opportunity for processing language structures, enabling the use of all language resources. This provides the test persons using the monoactive written medium with the opportunity to use a literate style, characterized by a higher proportion of nominal elements, a wider range of verb variation, and longer and more complex phrase and sentence structures. As was shown, the online environment in FACE-TO-FACE Communication requires rapid language processing and synchronization with interactants. In both test groups, this results in a simple style of language featuring short and paratactical language structures. Likewise in written-based COMPUTER-TALK, both groups of test persons elect an abbreviated style of language featuring sentence fragments and paratactical structures. This confirms the thesis that the new communication media (CHAT and COMPUTER-TALK) occupy a borderline between orality and literality, in which, although processed in a written way, they are "re-oralized". Furthermore, the study contributes to the adaptation theory explaining the variability in the symptoms of agrammatism. In fact, this would concretize the "overuse" and ellipsis hypothesis that the telegram-style utterances of agrammatics mainly consist of well-formed "context ellipses". At the same time, this adaptation is not exclusively the result of the reduced working capacity of agrammatics, but occurs - as in normal speakers - as a result of a strategic adaptation to the media formats and interactive conditions which apply. On the whole, the study shows that, in spite of their language disorder, mildly to moderately chronic agrammatics, just like normal persons, are able to choose between different language styles, adapting them according to addressee, communication goal and media performance. Thus, the intra-individual variability of agrammatism can only be explained as being induces by media and interactive factors in using language. To this extent, the examples of language performance by aphasics focus on a general characteristic of language: knowledge of language is not organized independently of context, but is processed media-specifically and in relation to the mode of interaction.

Fulltext:
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Dokumenttyp
Dissertation / PhD Thesis

Format
online, print

Sprache
German

Externe Identnummern
HBZ: HT014104064

Interne Identnummern
RWTH-CONV-121337
Datensatz-ID: 59560

Beteiligte Länder
Germany

 GO


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The record appears in these collections:
Document types > Theses > Ph.D. Theses
Faculty of Arts and Humanities (Fac.7)
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700000

 Record created 2013-01-28, last modified 2025-01-16


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