2025
Dissertation, RWTH Aachen University, 2023
Genehmigende Fakultät
Fak07
Hauptberichter/Gutachter
;
Tag der mündlichen Prüfung/Habilitation
2023-07-14
Einrichtungen
Inhaltliche Beschreibung (Schlagwörter)
Catholic Church (frei) ; Katholische Kirche (frei) ; National Socialism (frei) ; Nationalsozialismus (frei) ; Priester (frei) ; priest (frei)
Thematische Einordnung (Klassifikation)
DDC: 320
Kurzfassung
Die bisherige Forschung zur katholischen Kirche im Zweiten Weltkrieg und in der frühen Nachkriegszeit ist sehr stark – bisweilen exklusiv – auf die oberen Ebenen der kirchlichen Hierarchie fixiert, insbesondere auf die Bischöfe. Die vorliegende Arbeit ergänzt diese Perspektive, indem sie stattdessen die Ortspriester in ihren lokalen Bezügen als Akteure in den Fokus rückt und analysiert, wie diese das gesellschaftliche, politische und kirchliche Leben in ihren Gemeinden mitgestalteten. Der zeitliche Schwerpunkt wird dabei, ebenfalls in Abgrenzung zu bisherigen Studien, weder exklusiv auf den Nationalsozialismus noch auf die längerfristige Entwicklung in Bundesrepublik oder DDR, sondern bewusst auf die weit gefasste Scharnierzeit der ‚Zusammenbruchgesellschaft‘ gelegt, um Kontinuitäten und Wandel in dieser einzigartigen Phase grundlegender systemischer und sozialer Veränderungen herauszuarbeiten – von der Diktatur über den Krieg in der Ferne und an der ‚Heimatfront‘ bis in die Besatzungszeit. Exemplarisch untersucht wird der Pfarrklerus des Erzbistums Freiburg, eine der größten deutschen Diözesen, die durch ihre strukturelle Heterogenität die Einbeziehung sowohl ländlicher als auch städtischer Gemeinden in konfessionell geschlossenen und Diaspora-Gegenden sowie den direkten Vergleich zwischen amerikanischer und französischer Besatzungszone ermöglicht. Die Grundlage dafür bildet das zeitnah entstandene, beinahe flächendeckende Quellenkorpus der priesterlichen ‚Kriegsberichte‘, ergänzt um zahlreiche weitere Dokumente kirchlicher und auch nicht-kirchlicher, vor allem alliierter Provenienz. Durch diesen Zuschnitt erschließt die Arbeit Themenfelder, die in der Forschung bislang nur am Rande, mit exklusivem Blick auf den Episkopat oder aber auf einzelne Pfarreien behandelt wurden. So wird die Rolle der katholischen Kirche in der badischen Kriegsgesellschaft und die trotz aller Konflikte staatstreue und kriegsstützende Haltung des Freiburger Diözesanklerus erstmals ausführlich untersucht. Die daran anschließende Analyse der alliierten Einnahme der Pfarreien des Erzbistums trägt zur systematischen Untersuchung dieses bislang nicht nur kirchenhistorisch weitgehend vernachlässigten neuralgischen Punkts bei. Dabei wird zum ersten Mal auf breiter Quellenbasis eingeordnet, welche Rolle die Geistlichen bei Kriegsende und in den ersten Nachkriegswochen tatsächlich spielten. Sie traten zum Beispiel deutlich seltener als Parlamentäre bei der Ortsübergabe oder als Interims-Bürgermeister auf, als bisweilen suggeriert. Weitaus bedeutender war das klerikale Engagement in der alltäglichen Begegnung mit Besatzern und Besetzten, das Wirken der Priester als Berater und Informanten der Alliierten, als Konfliktmanager, Mediatoren und Multiplikatoren, als Fürsprecher und wohltätige Helfer der Bevölkerung, auch im Rahmen der Entnazifizierung. Zwar wurde die temporäre Ausnahmestellung der Priester auch wesentlich von den Besatzern ermöglicht, wie ein Überblick über die praktische Umsetzung der alliierten kirchenpolitischen Leitlinien zeigt. Doch die Seelsorger reagierten nicht nur auf die Alliierten: Sie nutzten ihre Handlungsspielräume und brachten sich selbstbewusst als Vermittler und Verhandlungspartner in Stellung. Ihren Führungsanspruch untermauerten sie auch mit dem weit verbreiteten katholischen Widerstands- und Opfernarrativ, in dem sie selbst ausschließlich als frühe Warner und entschlossene Kämpfer gegen den Nationalsozialismus fungierten. Durch den Fokus auf die sozialen, über die rein kirchlichen Belange weit hinausgehenden Interaktionen in der lokalen Besatzungsgesellschaft leistet die Studie auch einen Beitrag zur aktuellen Forschung über das Alltagsleben in der als eigenständiges Untersuchungsfeld ernst genommenen frühen Nachkriegszeit. Die Konzentration auf die Transformationsphase von nationalsozialistischer zu alliierter Herrschaft erlaubt es, Konstanten und Veränderungen in Selbstbild und Selbstdarstellung der katholischen Seelsorger herauszuarbeiten und detailliert ihre Versuche zu analysieren, ihre Nützlichkeit für die Bevölkerung in äußeren Notlagen unter Beweis zu stellen und damit auch ihre zunehmend prekäre Stellung zu verteidigen. Gerade diese andauernde Defensivhaltung zieht sich durch alle untersuchten Zeitabschnitte. Die seit Jahrzehnten anhaltende Erosion der gesellschaftlichen Stellung des Klerus bestärkte diesen in seiner schon im Kulturkampf entwickelten manichäischen Weltsicht. Diese schlug sich in entsprechenden diskursiven und praktischen Exklusionsmechanismen nieder, die zur Stärkung der katholischen Gemeinschaft bei gleichzeitigem Ausschluss aller äußeren Bedrohungen beitragen sollten. Als fremd und damit störend galten insbesondere Personen, die als geografisch, ethnisch, ideologisch oder konfessionell andersartig konstruiert werden konnten. Zentrales Ausschlusskriterium war daneben der sittlich-religiöse Lebenswandel: Wer von den katholischen Moralvorstellungen abwich, stellte eine Gefahr für das eigene Seelenheil und die Gemeinschaft dar. Exemplarisch wird dies anhand der klerikalen Reaktionen auf die Vergewaltigungen deutscher Frauen durch alliierte Soldaten und der damit verbundenen Sittlichkeitsvorstellungen und Geschlechterbilder analysiert. Politisch machten die Priester ihren Einfluss fortan vor allem hinter den Kulissen geltend. Ihr politisches Bewusstsein war dabei untrennbar mit ihrem seelsorgerischen Selbstverständnis verknüpft: Sie verstanden die Pastoral immer auch als Teil des Wettkampfs um die Seelen und als Abwehrmittel gegen die befürchteten zersetzenden Einflüsse etwa des Sozialismus und Kommunismus.
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Fulltext
Dokumenttyp
Dissertation / PhD Thesis/Book
Format
online, print
Sprache
German
Externe Identnummern
HBZ: HT030939216
Interne Identnummern
RWTH-2025-01455
Datensatz-ID: 1004471
Beteiligte Länder
Germany
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