2011
Aachen, Techn. Hochsch., Diss., 2011
Genehmigende Fakultät
Fak10
Hauptberichter/Gutachter
Tag der mündlichen Prüfung/Habilitation
2011-05-12
Online
URN: urn:nbn:de:hbz:82-opus-37239
URL: https://publications.rwth-aachen.de/record/64526/files/3723.pdf
Einrichtungen
Inhaltliche Beschreibung (Schlagwörter)
Enhancement <Medizinische Ethik> (Genormte SW) ; Medizin (frei) ; Neuroenhancement (frei) ; nonpharmacological neuroenhancement (frei) ; invasive neuroenhancement (frei)
Thematische Einordnung (Klassifikation)
DDC: 610
Kurzfassung
Der Begriff „Neuroenhancement“ bezeichnet die Verbesserung zerebraler, vor allem kognitiver Funktionen bei eigentlich gesunden Individuen durch pharmakologische oder invasiv-neurotechnologische Interventionen. Ziel der Dissertation ist es, die Entwicklung des invasiven Neuroenhancements aufzuzeigen, medizinethisch zu diskutieren und zu einer abschließenden Bewertung zu kommen. Dazu werden anfangs einige Neurotechnologien aus dem Bereich der invasiven Stimulationsverfahren, sensorischen Prothesen und Brain-Computer Interfaces vorgestellt, die zurzeit therapeutisch eingesetzt werden, jedoch in Zukunft auch zu außertherapeutischen Zwecken genutzt werden könnten. Im Folgenden wird aufgezeigt, wie ein invasives Neuroenhancement realisiert werden könnte und welche zerebralen Funktionen davon betroffen sein könnten. Anschließend erfolgt die medizinethische Diskussion invasiver Neuroenhancement-Verfahren. Dazu wird zunächst gezeigt, dass der Enhancement-Begriff und die Therapie-Enhancement-Unterscheidung trotz einer gewissen definitorischen Unschärfe als konzeptuelle und terminologische Grundlagen zur Diskussion der Thematik geeignet sind. Im Anschluss werden die Argumente um das pharmakologische Neuroenhancement unter Gliederung in die Themenkomplexe „gesundheitliche Aspekte“, „Auswirkungen auf die Gesellschaft“ und „Veränderungen des Menschenbildes“ ausgeführt und auf ihre Übertragbarkeit auf invasive Verfahren hin überprüft. Dabei zeigt sich, dass die gesundheitlichen Risiken aufgrund der Invasivität, Irreversibilität und der Schwierigkeit der Antizipation möglicher Folgen im Hinblick auf den unsicheren und eingeschränkt abschätzbaren Nutzen wesentlich schwerer zu gewichten sind. In Bezug auf mögliche gesellschaftliche Auswirkungen wird gezeigt, dass sie davon abhängig sein werden, ob solche Verfahren staatlich finanziert bzw. reguliert werden oder ob sie privat zu finanzieren sind. Es wird konstatiert, dass es im ersten Fall denkbar wäre, dass die für pharmakologisches Neuroenhancement diskutierten gesellschaftlichen Trends (vor allem der soziale Druck zum Enhancement, Hyper-Competitiveness, Pathologisierungs-, Medikalisierungstendenzen) sich auch für invasive Verfahren etablieren und weiter verstärken könnten, während es im zweiten Fall bei fehlender staatlicher Regulierung u.U. zu einer neuen Art der Zwei-Klassen-Gesellschaft und Verschärfung bestehender sozio-ökonomischer Unterschiede und Chancenungleichheiten kommen könnte. Bezogen auf mögliche Veränderungen des Menschenbildes wird gezeigt, dass eine Argumentation gegen invasives Neuroenhancement unter Verweis auf die „Natürlichkeit“ bestimmter Persönlichkeitseigenschaften oder einen unveränderlichen Wesenskern nicht überzeugen kann. Ebenso zeigt sich, dass eine Argumentation, die invasives Neuroenhancement lediglich mit Verweis auf das Recht zur selbstbestimmten Gestaltung der eigenen Identität legitimiert und einfordert, zu kurz greift. Vor allem die Möglichkeit des Wechsels der personalen Identität durch Beeinflussung von an Gedächtnisfunktionen beteiligten Gehirnarealen erscheint als eine theoretisch mögliche und so schwerwiegende Komplikation, dass hier in Zukunft ein zurückhaltender Einsatz zu fordern ist. Auch zeigt sich schon in der therapeutischen Anwendung, dass mechanistische Vorstellungen zur gezielten Beeinflussung isolierter Persönlichkeitseigenschaften nicht realistisch sind und es auch hier zu unerwünschten Veränderungen kommen kann; diese sind besonders dann kritisch zu bewerten, wenn ungewollt Eigenschaften, die zur Selbstevaluation beitragen, betroffen sind. Insgesamt bleibt festzuhalten, dass invasive Neuroenhancement-Verfahren im Angesicht der gesundheitlichen Risiken und der Unwägbarkeit ihrer Folgen aus dem heutigen Kenntnisstand heraus als kritisch zu bewerten sind. Vor allem zur Spezifizierung der gesundheitlichen Risiken ist es demnach erforderlich, die weiteren Entwicklungen zu beobachten, um ggf. eine Neubewertung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses vornehmen zu können. Zudem dürften auch die möglichen gesellschaftlichen Auswirkungen schwer zu antizipieren sein. Da zukünftig Entscheidungen über die Zulassung bestimmter Formen des invasiven Neuroenhancements nicht alleine aufgrund einer Abwägung der individuellen gesundheitlichen Risiken, sondern auch unter Berücksichtigung der sozialen Entwicklungen erfolgen müssen, sollten diese prospektiv auf ihre möglichen, weiterreichenden Konsequenzen, vor allem in Bezug auf die Veränderung von bestehenden gesellschaftlichen moralischen Vorstellungen überprüft und ggf. revidiert werden. Dieser Prozess nimmt Wissenschaft, Ethik, Politik und die Gesellschaft selbst in die Verantwortung, im Rahmen eines idealerweise öffentlichen und partizipativen Prozesses zu entscheiden, in welche Richtung die Entwicklung der invasiven Neurotechnologien und insbesondere des invasiven Neuroenhancements in Zukunft gehen soll.The term „neuroenhancement“ refers to the improvement of cerebral, particularly cognitive functions of healthy individuals via pharmacological or invasive interventions. The aim of this dissertation is to point out the development of invasive neuroenhancement, to discuss it by means of medical ethics and to come to a closing evaluation. For that purpose several invasive neurotechnologies are presented initially, namely deep brain stimulation, vagus nerve stimulation, visual and auditory prosthesis and brain-computer interfaces. Today these technologies are used in a therapeutic context, but they bear a potential for being used for the purpose of neuroenhancement. In the following it is shown how invasive neuroenhancement could be realised in the future and to which cerebral functions it could be applied. Afterwards, the ethical discussion of invasive neuroenhancement techniques is carried out. First, the definition of enhancement and the distinction between therapy and enhancement is analysed; it is made clear that although these terms and definitions contain a certain notional vagueness they are useful as a conceptual and terminological basis for the discussion. Subsequent, the arguments around pharmacological neuroenhancement are divided into three large groups – health aspects, impacts on society and alteration of the idea of man – and it is analysed whether or to what extend these arguments can be applied to invasive neuroenhancement as well. In doing so, it can be shown that the health risks in nonpharmacological neuroenhancement can be much more severe because of the invasiveness, the irreversibility and the difficulty of anticipating the possible outcome especially regarding the arguable benefit. It is shown that the impacts of invasive neuroenhancement on society are going to be dependent on the following questions: First of all, are these procedures going to be financed publicly or privately and secondly, is there going to be any compensational regulation by the governments? If invasive neuroenhancement was financed publicly, it would be possible that social tendencies like coercion, hyper-competitiveness and medicalization could be established similar to the tendencies that are seen today in pharmacological neuroenhancement. But because of the high costs of these procedures it is more likely that they are going to be financed privately. If there wasn’t any compensational regulation, this could lead to a new kind of two-class society and to an amplification of existing socio-economic differences and inequalities, national as well as international. Concerning the discussion about a possible alteration of the idea of man, one can see that arguing against invasive neuroenhancement by pointing to the „naturalness“ of certain aspects of personality or to certain inalterable core values is not convincing. On the other hand, it would be also short-sighted to legitimise invasive neuroenhancement just by pointing to the right to create one’s own identity by any means. Especially the possibility of a change in personal identity through influencing certain cerebral areas associated with memory functions by invasive neuroenhancement interventions appears to be such a severe complication that a cautious approach is to be asked for. Besides, the experiences in the therapeutic application of invasive neurotechnologies show that mechanistic conceptions, such as the idea of selectively manipulating one specific aspect of personality, do not live up to reality; they also show that severe adverse effects, especially unintended changes of personality traits, can occur. In particular the unintended manipulation of certain cerebral functions that contribute to self-evaluation and self-assessment needs to be viewed critically. To sum it up, it is necessary to state that invasive neuroenhancement techniques must be evaluated critically because of their severe health risks and the imponderability of their outcome. To specify these risks, it will be essential to observe the development of invasive neurotechnologies used in the therapeutic context as well as for the purposes of neuroenhancement, and, if necessary, to re-evaluate the benefit-to-risk profile. Future decisions whether to approve certain forms of invasive neuroenhancement cannot be based on the individual health-associated benefit-risk-profile solely. The possible social consequences and developments, in terms of the alteration of certain established and crucial values within society, have to be taken into consideration as well. Such a challenge places a responsibility on neurosciences, ethics, politics and society itself in terms of making a decision – in the context of an ideally public and parcipatory process – about the prospective direction the development of invasive neurotechnologies and invasive neuroenhancement in particular should take.
Fulltext:
PDF
Dokumenttyp
Dissertation / PhD Thesis
Format
online, print
Sprache
German
Interne Identnummern
RWTH-CONV-125827
Datensatz-ID: 64526
Beteiligte Länder
Germany
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