2014 & 2016
Dissertation, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen, 2014
Veröffentlicht auf dem Publikationsserver der RWTH Aachen University 2016
Genehmigende Fakultät
Fak07
Hauptberichter/Gutachter
;
Tag der mündlichen Prüfung/Habilitation
2014-12-11
Online
URN: urn:nbn:de:hbz:82-rwth-2016-039404
URL: https://publications.rwth-aachen.de/record/657643/files/657643.pdf
URL: https://publications.rwth-aachen.de/record/657643/files/657643.pdf?subformat=pdfa
Einrichtungen
Inhaltliche Beschreibung (Schlagwörter)
Sprache, Linguistik (frei) ; Diskurs (frei) ; Diskursgeschichte (frei) ; Diskursanalyse (frei) ; Flüchtling (frei) ; Kriegsflüchtling (frei) ; Bürgerkrieg (frei) ; Jugoslawien (frei) ; Bosnien (frei) ; Bosnien-Herzegowina (frei) ; Aufnahme (frei) ; Deutschland (frei) ; Asyl (frei) ; Grundgesetzänderung (frei) ; Sprachphilosophie (frei)
Thematische Einordnung (Klassifikation)
DDC: 400
Kurzfassung
„Wie gestaltet sich der Diskurs, der 1992 in der Bundesrepublik Deutschland über die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen aus der zerfallenen Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien geführt wurde im Zusammenhang mit der Diskussion über eine Grundgesetzänderung zur Begrenzung der Aufnahme im Allgemeinen?“ lautet die Leitfrage der vorliegenden Dissertation. Sie umfasst die inhaltliche Konsistenz des „Aufnahmediskurses“ und zielt auf die Gestaltungszusammenhänge repräsentativer Aussagen im Diskurs ab. Um diese Frage zu beantworten, wurden aus zwei überregionalen Tageszeitungen, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) und der Süddeutschen Zeitung (SZ), zum Thema „Aufnahme von Asylbewerbern“ alle kommentierenden Artikel (Kommentare$^1$, zitierte Kommentare , Leserbriefe und Interviews) des Jahres 1992 zu einem Textkorpus aus insgesamt 1.722 Artikeln zusammengestellt, gesichtet und analysiert. Die Leitfrage impliziert, dass die Problematik im Kontext zweier Diskurskomplexe gesehen werden muss, welche 1992 gleichermaßen gesellschaftlich relevant waren und thematisch ineinandergriffen: a) Der außenpolitisch motivierte Bürgerkriegsdiskurs (mit dem Thema „Kriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien“)$^2$ b) Der innenpolitisch motivierte Asyldiskurs (mit den Themen „Grundgesetzänderung“ und „Ausländerfeindlichkeit“)$^3$. Es handelt sich um die zwei Teildiskurse des übergeordneten Aufnahmediskurses. In der quantitativ-qualitativen Analysemethode, die 2004 von Thomas Niehr im Rahmen einer „vergleichenden diskursgeschichtlichen Untersuchung“$^4$ vorgelegt worden ist, wird die methodische Möglichkeit gesehen - und in der vorliegenden Arbeit erstmals angewendet – zwei Teildiskurse eines übergeordneten Diskurses zu analysieren und in Beziehung zu setzen. Ziel ist es, Aussagen zur Aufnahmebereitschaft der deutschen Öffentlichkeit zu machen und den Wandel im Denken einer Mentalität darzustellen, die sich 1992 zwischen Auflösung und Zusammenschluss europäischer Strukturen befand. Die diskursgeschichtliche Argumentationsanalyse sieht Diskurse im Zusammenhang ihrer zeitgeschichtlichen Kontexte. Aus diesem Grunde werden im ersten Teil der vorliegenden Arbeit (I. Sachgeschichtliche Rahmenbedingungen Kapitel 1 und 2) für den Aufnahmediskurs 1992 die außenpolitischen (Jugoslawienkonflikt) wie auch die innenpolitischen (Grundgesetzänderung) Konditionen ausführlich dargestellt. Im zweiten Teil (II. Theoretische Voraussetzungen) wird das sprachtheoretische Verständnis dargestellt, welches dem hier vertretenen diskursgeschichtlichen Ansatz zugrunde liegt. Dazu wird die Rezeption wesentlicher sprachphilosophischer Grundgedanken Wilhelm von Humboldts, Ludwig Wittgensteins und Ferdinand de Saussures aufgegriffen und im Rahmen der Theoriebildung der historischen Semantik und Diskursgeschichte erörtert. Über die Bedeutung der kommunikativen Sprechhandlungsmodelle Karl Bühlers, John L. Austins und Paul Grices wird der Bogen zu den sozialphilosophischen Grundlagen diskurslinguistischer Theoriebildung geschlagen, die im Besonderen von der Rezeption Michel Foucaults geprägt ist. Sprache wird als soziale und kontextgebundene Handlung begriffen, welche gesellschaftliche Wirklichkeit konstituiert und organisiert. In der Folge begreift diese Arbeit linguistische Diskursanalyse als einen methodischen Ansatz, der im Rahmen einer sozialwissenschaftlich orientierten Sprachwissenschaft gesehen wird (Kapitel 4). Dieser Auffassung sind auch andere Ansätze verpflichtet, die dem vorliegenden Theorieverständnis vorausgegangen sind. Die Entwicklungslinie von der Wort- und Begriffsgeschichte (Kapitel 4.4.) über die Historische Semantik (Kapitel 4.3.) bis hin zur linguistischen Diskursanalyse der Düsseldorfer Schule (Kapitel 4.5.) mündet in der Auffassung, Mentalitätsgeschichte durch diskursgeschichtliche Analysen beschreibbar machen zu können. Im dritten Teil (III. Die Analyse des Aufnahmediskurses) werden auf der Grundlage des argumentationsanalytischen Verfahrens Thomas Niehrs (2004) und vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund des Jahres 1992 die genannten Teildiskurse des übergeordneten Aufnahmediskurses analysiert. Die prototypisch formulierten Argumente des Aufnahmediskurses werden in ihrer Verwendung sichtbar gemacht. Dadurch wird deutlich, dass Teildiskurse entgegengesetzte Aussagen machen können bzw. innerdiskursiv konkurrieren. Weiterführend wird die Idee entwickelt, ein Schnittmengenkorpus zu erstellen und die prototypischen Argumente der Teildiskurse in der Kombination ihrer Verwendungsweisen zu analysieren. Durch dieses Verfahren wird die innerdiskursive Konkurrenz kontroverser Teildiskurse transparent gemacht und hinsichtlich ihrer Funktionen im übergeordneten Aufnahmediskurs interpretierbar (Kapitel 8). Gerade weil Diskursanalysen an begrenzte und starre Korpora gebunden sind – und durch diese Statik Diskurse erst methodisch für die linguistische Diskursanalyse beschreibbar werden, ist es wichtig, Korpora auf Indikatoren der innerdiskursiven Dynamik hin zu untersuchen. Solche Indikatoren können prototypische Argumente sein, die im Kontext ihrer Verwendung betrachtet werden. In Abgrenzung zu kritischen Ansätzen von Diskursanalysen (Critical Discourse Analysis, CDA, und Kritische Diskursanalyse, KDA) wird hier in methodischer Nähe zum epistemologisch-deskriptiven bzw. diskurssemantischen Ansatz der Düsseldorfer Schule eine moderat-kritische Interpretation der Analyseergebnisse vorgelegt. Der Wandel im Denken der deutschen Mentalität 1992 hinsichtlich des Aufnahmediskurses ist als vielschichtig, ambivalent und diskontinuierlich zu beschreiben. Er vollzieht sich nicht in der Veränderung der Aufnahmebereitschaft, er vollzieht sich auch nicht in einem offenen diskursiven Prozess durch den Austausch sachlicher Argumente; er vollzieht sich durch eine Verschiebung der (kollektiven) Perspektive auf die Wirklichkeit. Diese Verschiebung wird durch die Diskursanalyse dieser Arbeit offengelegt. $^1$Zitierte Kommentare sind Kommentare anderer Zeitungen zu aktuellen Themen, die in den genannten Tageszeitungen in den Ressorts „Stimmen der Anderen“(FAZ) bzw. „Blick in die Presse“ (SZ) veröffentlicht wurden. $^2$Im Folgenden als „Kriegsflüchtlingsdiskurs“ bezeichnet. $^3$Im Folgenden als „Grundgesetzänderungsdiskurs“ bezeichnet. $^4$Niehr, Thomas (2004): Der Streit um Migration in der Bundesrepublik Deutschland, der Schweiz und Österreich. Eine vergleichende diskursgeschichtliche Untersuchung. Heidelberg."How was the discourse which went on in 1992 in the Federal Republic of Germany concerning the acceptance of war refugees from the disintegertated SFRY with regards to the debate on the amendment of the consitution in order to generally limit reception?" This is the central question of the thesis. It includes the internal consistency of the "reception discourse" and aims at presentating the relations between representative statements in the discourse. In order to answer this question, all articles which comment on the topic "intake of asylum seekers" (comments$^1$, quotes, readers letters and interviews) found in the two national daily newspapers, the Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) and the Süddeutsche Zeitung (SZ), in 1992 were gathered and in all a total of 1,722 articles were reviewed and analyzed.The main question implies that the problem be considered in the context of two discourse complexes which in 1992 were equally relevant to society and were thematically also closely interrelated.a) The civil war discourse motivated by the foreign policy (on the subject: "war refugees from the former Yugoslavia"$^2$b) The asylum discourse which was motivated by domestic policy (on the subject: "constitutional amendment and anti-immigrant sentiments"$^3$These are two sub-discourses of the main discourse on the reception of refugees. The quantitative-qualitative analysis method which was presented by Thomas Niehr in 2004, as part of a "historical investigation of comparative discourse"$^4$ is considered a methodical option and in this work-is applied for the first time in comparing two sub-discourses in relation to a main discourse. The aim is to provide evidence of German public receptiveness and to present the transformation in the thinking and mentality which in 1992 was between the break up and merging of european structures. The analysis of argumentation based on historical discourse considers discourse in relation to their historical context. For this reason, in the first part of this work (I. Factual historical framework Chapter 1 and 2) discourse on the reception of refugees in 1992, foreign policy (Yugoslavia conflict) as well as the domestic affairs (constitutional amendment) are presented in detail. The second part (II. Theoretical prerequisites) the theory of language comprehension is presented, on the basis of the historical approach discourse represented in this work. The reception of essential philosophies of langauge based on the main ideas of Wilhelm von Humboldt, Ludwig Wittgenstein and Ferdinand de Saussure are taken up and discussed within the framework of the developing of theory of historical semantics and discourse history. By making reference to the models of Karl Buhler, John L. Austin and Paul Grice on the importance of communicative use of language, the connection is made to the socio-philosophical foundations on the discourse on linguistic development of theories which is particularly characterized by Michel Foucault’s historical reception. Language is understood as handling in a social and contextual manner which constitutes and organizes social reality. As a result, this work comprehends linguistic discourse analysis as a methodological approach, which is perceived as part of a social science oriented Linguistics (Chapter 4). This notion is also confirmed by other approaches which preceded the present understanding of theory. The course of development from the word and conceptual history (Chapter 4.4.) to historical semantics (Chapter 4.3.) to the linguistic discourse analysis of the Düsseldorf School (Chapter 4.5.) ends in the concept which states that mentalities can be described by the analysis of historical discourse. In the third part (III. The analysis of the reception discourse) the mentioned sub discourses of the main discourse on reception are analyzed on the basis of the analytical argumentation process by Thomas Niehrs (2004) and in view of the historical background of 1992. The prototypical formulated arguments of the reception discourse are made observable in their usage. It therefore becomes clear that parts of discourse could represent opposing statements or which compete in an inner discursive manner. Furthermore the idea is developed to create an intersection of corpus and to analyze the prototypical arguments of the sub-discourses in combination with their usages. By this method, the opposition between controversial innerdiskursive sub- discourses is made transparent and able to be interpreted in terms of their functions in the relation to the main discourse namely, the reception discourse (Chapter 8). More especially because of the fact that discourse analysis are linked to limited and rigid corpora - and it is only due to this static nature that discourses are methodically able to become describable for linguistic discourse analysis, it is important to examine corpora to find indicators of inner discursive dynamics. Such indicators could be prototypical arguments which are considered in the context of their usage. In contrast to critical approaches of discourse analysis (Critical Discourse Analysis, CDA and CDA, KDA) a moderate-critical interpretation of the analytical results is presented here in a methodical proximity to epistemologically-descriptive and discourse semantic approach of the Düsseldorf School. The change in thinking of the German mentality 1992 concerning the reception discourse is described as complex, ambivalent and discontinuous. It does not transpire through a change in readiness for reception , and also not through an open discursive process by exchanging factual arguments; it takes place by a shift in the (collective) perspective of reality. This shift is revealed by the discourse analysis of this work. $^1$Quoted comments are comments from other newspapers on current topics, denoted as "The voices of the others" in the mentioned daily newspapers "Stimmen der Anderen“(FAZ) or Insight into the press media". „Blick in die Presse" SZ). $^2$Denoted as "discourse on war refugees". $^3$Denoted as "discourse on the amendment of the constitution". $^4$Niehr, Thomas (2004): Der Streit um Migration in der Bundesrepublik Deutschland, der Schweiz und Österreich. Eine vergleichende diskursgeschichtliche Untersuchung. Heidelberg.
OpenAccess:
PDF
PDF (PDFA)
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Dokumenttyp
Dissertation / PhD Thesis
Format
online
Sprache
German
Externe Identnummern
HBZ: HT018983029
Interne Identnummern
RWTH-2016-03940
Datensatz-ID: 657643
Beteiligte Länder
Germany
Dataset
Datensatz zum Gesamtdiskurs der Dissertation "Innerdiskursive Kontroversen. Der Diskurs über die Aufnahme von Flüchtlingen zwischen Bürgerkrieg und Grundgesetzänderung - Eine linguistische Diskursgeschichte"
[10.18154/RWTH-2016-02911]
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Dataset
Datensatz zum FAZ-SZ Kommentarkorpus der Dissertation "Innerdiskursive Kontroversen. Der Diskurs über die Aufnahme von Flüchtlingen zwischen Bürgerkrieg und Grundgesetzänderung - Eine linguistische Diskursgeschichte"
[10.18154/RWTH-2016-02922]
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