2024
Dissertation, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen, 2024
Veröffentlicht auf dem Publikationsserver der RWTH Aachen University
Genehmigende Fakultät
Fak05
Hauptberichter/Gutachter
;
Tag der mündlichen Prüfung/Habilitation
2024-07-12
Online
DOI: 10.18154/RWTH-2024-07527
URL: https://publications.rwth-aachen.de/record/990846/files/990846.pdf
Einrichtungen
Thematische Einordnung (Klassifikation)
DDC: 550
Kurzfassung
Während Kinder vor einigen Jahrzehnten in vielen öffentlichen Räumen spielten, zum Beispiel auf der Straße, werden sie heute aus diesen Räumen verdrängt. Ursächlich dafür ist das hohe Verkehrsaufkommen, verstärkt durch den steigenden Bedarf an Wohnraum und die damit einhergehende Stadtverdichtung. Als Resultat dessen verknappen Räume, die Kinder selbstständig aufsuchen und gestalten können. Um die verloren gegangenen Räume zu ersetzen, schaffen Erwachsene explizit für Kinder geplante Räume. Dabei handelt es sich meistens um Kinderspielplätze, die von anderen Räumen abgegrenzt werden, wodurch sich Kinder- und Erwachsenenwelten entmischen. Doch Kinder wünschen sich mehr als nur Spielplätze, nämlich abwechslungsreiche Räume, die sie sich selbstständig aneignen können. Ziel der Arbeit ist es, neue Erkenntnisse über Alltagswelten von Kindern zu erhalten und zu ermitteln, was einen Aufforderungscharakter für Kinder besitzt und was nicht. Dieses Wissen hilft dabei, Räume so zu gestalten, dass Kinder sie sich aneignen. Ich entwickelte vier zentrale Forschungsfragen: Erstens fragte ich danach, welche Räume sich als Alltagsräume der Kinder identifizieren lassen und inwieweit sich die Kinder- von der Elternperspektive in Hinsicht auf diese Räume unterscheidet. Zweitens thematisierte ich, inwiefern sich heutige Kindheit im Vergleich zur Kindheit früherer Generationen verändert hat. Drittens fragte ich nach der Bedeutung digitaler Medien und Räume im Leben von Kindern und danach, welche Potenziale und Herausforderungen sich daraus ergeben. Viertens diskutierte ich, auf welche Weise sich Kinder Räume aneignen und welche Faktoren den Prozess der Aneignung beeinflussen. Um die Forschungsfragen zu beantworten, forschte ich gemeinsam mit Kindern. Daher trägt die Forschung auch dazu bei, methodische Erkenntnisse für das Forschen mit Kindern zu gewinnen. Im Rahmen der Empirie kamen drei Forschungsmethoden zum Einsatz: leitfadengestützte Interviews, subjektive Landkarten und teilnehmende Beobachtungen. Insgesamt 33 Kinder und 23 Eltern habe ich im Rahmen der Dissertation interviewt. Während des Gesprächs zeichneten die befragten Kinder ihre individuelle Alltagswelt als subjektive Landkarte inklusive all der häufig aufgesuchten Räume. Um die Kinder- und Elternperspektive besser vergleichen zu können, zeichneten die Eltern ebenfalls die Alltagswelt des Kindes. Zusätzlich beobachtete ich kindliche Aneignungsprozesse auf einem Mehrgenerationenspielplatz sowie im Rahmen von alltagsweltlichen Spaziergängen. Die Kombination, sowohl mit Kindern als auch mit Eltern zu forschen, erwies sich als ergebnisreich, aber auch als herausfordernd. In den Interviews halfen spielerische Elemente dabei, erfolgreiche Ergebnisse zu erhalten. Die Ergebnisse der Empirie verdeutlichen, dass die Alltagswelten der Kinder sehr individuell sind und sich deshalb stark voneinander unterscheiden. Kindliche Alltagsräume lassen sich anhand vieler Merkmale differenzieren, unter anderem anhand der Merkmale eines Raumes sowie dessen Bedeutung, Zugänglichkeit, Nutzung und Aneignung. Zum Beispiel stellen Spielplätze wichtige Alltagsräume im Leben vieler Kinder dar, doch gibt es ebenso Kinder, die Spielplätzen kaum Bedeutung zuschreiben. Daran wird ersichtlich, wie verschieden die Bedürfnisse von Kindern sind. Das weist auf die Notwendigkeit hin, mehr und unterschiedlichere Räume für Kinder zu schaffen, um Aneignungsmöglichkeiten für alle zu bieten. In den Interviews und Beobachtungen deutlich wurden sechs raumorientierte Trends in der Kindheit. Zum einen findet Kindheit zunehmend verhäuslicht statt. Dabei ist der Begriff der Verhäuslichung abzugrenzen vom Begriff der Indoorisierung. Eltern stört weniger die verhäuslichte, als vielmehr die indoorisierte Kindheit, sodass sich viele Eltern für eine Outdoorisierung der Kindheit einsetzen. Zum anderen üben Kinder zunehmend Aktivitäten in Institutionen aus. Grundsätzlich betreiben Kinder eine Aktivität entweder enthusiastisch, selbstbestimmt, institutionsgebunden oder zurückhaltend. Nicht zuletzt die Institutionalisierung der Kindheit ist ursächlich für den dritten Trend: die Verinselung kindlicher Alltagsräume. Die dabei entstehenden Alltagsinseln existieren altersunabhängig, verlagern sich mit zunehmendem Alter allerdings vom Zuhause weg. Als eine Folge der Verinselung begleiten Eltern ihre Kinder, sodass sich Alltagsräume von Kindern zu Alltagsräumen der Eltern entwickeln. Außerdem findet Kindheit zunehmend digitalisiert statt, was gleichermaßen Chancen wie Herausforderungen birgt. Eltern entscheiden individuell, inwieweit sie die digitale Alltagswelt ihrer Kinder reglementieren. Die Digitalisierung hat auch Einfluss auf den fünften Trend: die (Über-)Behütung der Kinder. Weil den Eltern die digitalen Alltagsräume ihrer Kinder häufig unbekannt sind, besitzen Eltern im digitalen Raum nur beschränkte Fähigkeiten, Kinder vor Gefahren schützen zu können. Abschließend findet Kindheit häufig in funktionalisierten Räumen wie auf Spielplätzen statt. Das ist nicht unbedingt auf die Attraktivität von Spielplätzen zurückzuführen, sondern darauf, dass andere Räume für Kinder wenig Aneignungsmöglichkeiten bieten. Meine Ergebnisse zeigen, dass es von vielen Faktoren abhängt, ob Kinder sich einen Raum aneignen: Es ist wahrscheinlicher, dass sie sich einen Raum aneignen, wenn der Raum zugänglich ist, sowohl über natürliche als auch künstliche Elemente verfügt, eine große Fläche bietet, flexible Elemente beinhaltet und frei von Gefahren und Verunreinigungen ist. Auch umgebungs-, umfeld- und subjektbezogene Faktoren beeinflussen das Aneignungspotenzial.Whereas a few decades ago children played in many public spaces, for example on the street, today they are being pushed out of these spaces. The reason for this is the high volume of traffic, exacerbated by the increasing demand for living space and the resulting urban densification. As a consequence, spaces that children can seek out and create independently are becoming scarcer. To replace the lost spaces, adults are creating spaces explicitly designed for children. These are usually children's playgrounds, which are separated from other spaces, thus separating the worlds of children and adults. However, children want more than just playgrounds; they are looking for varied spaces they can make their own. The aim of this work is to gain new insights into children's everyday worlds and to determine what is and what is not stimulating for children. This knowledge helps to design spaces in such a way that children appropriate them. I developed four central research questions: Firstly, I asked which spaces can be identified as children's everyday spaces and to what extent the children's perspective differs from the parents' perspective with regard to these spaces. Secondly, I focussed on the extent to which today's childhood has changed in comparison to the childhood of previous generations. Thirdly, I asked about the significance of digital media and spaces in children's lives and what potentials and challenges arise from increasing digitalisation. Fourthly, I discussed how children appropriate spaces and which factors influence the process of appropriation. To answer the research questions, I conducted research together with children. Therefore, my research also contributes to gaining methodological insights for research with children. Three research methods were used as part of the empirical research: guided interviews, subjective maps and participant observation. I interviewed a total of 33 children and 23 parents as part of the dissertation. During the interview, the children drew their individual everyday world as a subjective map, including all the rooms they frequently visited. To be able to better compare the children's and parents' perspectives, the parents also drew the child's everyday world. In addition, I observed children's appropriation processes on a multi-generational playground and during everyday walks. The combination of researching with both children and parents proved to be fruitful, but also challenging. In the interviews, playful elements helped to achieve successful results. The results of the empirical study reveal that children's everyday worlds are very individual and therefore differ greatly from one another. Children's everyday spaces can be differentiated on the basis of many features, including the characteristics of a space as well as its significance, accessibility, use and appropriation. For example, playgrounds are important everyday spaces in the lives of many children, but there are also children who attach little importance to playgrounds. This shows how diverse children's needs are. Hence, there is a need to create more and multiple diverse spaces for children to offer opportunities for appropriation for all. Six space-orientated trends in childhood were discovered in the interviews and observations. On the one hand, childhood is becoming increasingly domesticated. The term "domestication" should be distinguished from the term "indoorisation". Parents are less bothered by a domesticated than by an indoorised childhood, which is why many parents encourage outdoor play. On the other hand, children are increasingly engaging in activities in institutions. In principle, children engage in an activity either enthusiastically, self-determinedly, institutionbound or reservedly. Finally, the institutionalisation of childhood is the cause of the third trend: the isolation of children's everyday spaces. The resulting islands of everyday life exist regardless of age, but shift away from the home with increasing age. As a consequence of this isolation, parents accompany their children, so that children's everyday spaces develop into parents' everyday spaces. Furthermore, childhood is becoming increasingly digitalised, which presents both opportunities and challenges. Parents decide individually to what extent they regulate their child's everyday digital world. Digitalisation also has an influence on the fifth trend: the (over)protection of children. Because parents are often unaware of their children's everyday digital spaces, they only have limited ability to protect children from dangers in the digital space. Finally, childhood often takes place in functionalised spaces such as playgrounds. This is not necessarily due to the attractiveness of playgrounds, but to the fact that other spaces offer children few opportunities for appropriation. My results show that children appropriate a space depends on many factors: They are more likely to appropriate a space if the space is easy accessible, has both natural and artificial elements, offers a large area, contains flexible elements and is free from dangers and contamination. In addition, ambient and subject-related factors also influence the potential of a space to be appropriated by children.
OpenAccess:
PDF
(additional files)
Dokumenttyp
Dissertation / PhD Thesis
Format
online
Sprache
German
Externe Identnummern
HBZ: HT030819133
Interne Identnummern
RWTH-2024-07527
Datensatz-ID: 990846
Beteiligte Länder
Germany
Dissertation / PhD Thesis/Book
Spielplätze, Straßen und TikTok: eine Untersuchung kindlicher Alltagsräume
Berlin : Lit xv, 328 Seiten : Illustrationen, Diagramme, 1 Karte (2024) = Dissertation, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen, 2024
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