2020
Dissertation, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen, 2020
Veröffentlicht auf dem Publikationsserver der RWTH Aachen University
Genehmigende Fakultät
Fak05
Hauptberichter/Gutachter
;
Tag der mündlichen Prüfung/Habilitation
2020-07-23
Online
DOI: 10.18154/RWTH-2020-09032
URL: https://publications.rwth-aachen.de/record/801690/files/801690.pdf
Einrichtungen
Inhaltliche Beschreibung (Schlagwörter)
Alltagsmobilität (frei) ; Mobilitätspraktiken (frei) ; qualitative Forschung (frei) ; Verkehrsmittelwahl (frei) ; soziale Exklusion (frei) ; sozialgeographische Forschung (frei)
Thematische Einordnung (Klassifikation)
DDC: 550
Kurzfassung
Trotz Nachhaltigkeitsdebatten seit den 1980er Jahren ist das Automobil weiterhin das Verkehrsmittel Nummer 1 in Deutschland. Neben den ökologischen und ökonomischen Dimensionen von Nachhaltigkeit gewinnt seit einigen Jahren der soziale Aspekt von Mobilität mehr und mehr an Bedeutung in der Mobilitätsforschung. Dabei werden häufig Begriffe wie Barrierefreiheit, gesellschaftliche Teilhabe und soziale Exklusion thematisiert. In diesem Zusammenhang rücken oft bestimmte Bevölkerungsgruppen in den Fokus, die besonders oft von sozialer Exklusion betroffen sind. Dazu zählen Senioren, körperlich beeinträchtigte und einkommensschwache Personen. Diese Dissertation hat die Mobilitätspraktiken von Familien mit Kindern unter zehn Jahren untersucht, da diese den Pkw im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen noch häufiger nutzen und zudem in besonderem Maße mit zahlreichen Herausforderungen wie einem begrenzten Zeitbudget und erhöhten Ausgaben aufgrund eines oder mehrerer Kinder konfrontiert sind. Inhaltlich widmet sich diese Dissertation drei Themenkomplexen. Erstens wurden die Mobilitätspraktiken junger Familien untersucht. Dabei wurden sowohl die Hintergründe der Verkehrsmittelwahl als auch unterschiedliche Rahmenbedingungen wie die räumliche Komponente berücksichtigt. Zweitens wurde mittels des Themenkomplexes Herausforderungen & soziale Exklusion die soziale Komponente von Mobilität nochmals vertiefend analysiert. Drittens fand eine Analyse des Potenzials nachhaltiger Familienmobilität statt. Dabei wurden Veränderungsbedarfe identifiziert und alternative Mobilitätsoptionen auf ihre Akzeptanz bei Familien geprüft. Um die Mobilitätspraktiken von Familien besser verstehen zu können, wurde eine qualitative Interview-Studie konzipiert, die den inhaltlichen Schwerpunkt der Dissertation bildet. Mittels Kontaktaufnahme über Grundschulen, Kindergärten und soziale Medien konnten in 35 Interviews insgesamt 40 Mütter und Väter aus vier Kommunen der Metropole Ruhr – von der Großstadt Oberhausen bis zur Gemeinde Hünxe – interviewt und 30 Stunden Interviewmaterial gesammelt werden. Ergänzend zur Interview-Studie wurde im Rahmen eines Master-Projektseminars am Geographischen Institut eine bevölkerungsgruppenübergreifende Fragebogen-Erhebung mit 1.062 Befragten durchgeführt. Vor allem auf dem Arbeitsweg sind die Mobilitätspraktiken im Alltag junger Familien stark von der Nutzung des Pkw geprägt. Da bei der Mehrheit der interviewten Familien dieser Fallstudie beide Elternteile berufstätig sind – in der Regel ist der Vater vollzeit- und die Mutter teilzeitberufstätig – und oftmals zum Arbeitsplatz in eine andere Stadt pendeln, verfügen die meisten Familien über zwei Pkw. Lediglich bei einem Wohnstandort in zentraler Lage und guter ÖPNV-Anbindung wird nach Kosten-Nutzen-Analyse teils auf den Unterhalt eines zweiten Pkw verzichtet und stattdessen in ein ÖPNV-Abo investiert. Im Alltag erhält dann meist die teilzeitberufstätige Mutter Zugang zum Pkw und leistet den Großteil der Versorgungsarbeit für die Kinder inklusive zahlreicher Begleitfahrten. Die Kinder werden im Kindergarten- und Grundschulalter meist von einem Elternteil zur Betreuungseinrichtung begleitet. Dies geschieht zu Fuß oder mit dem Pkw. In der Freizeit und für Einkäufe kommt es je nach Familie entweder ebenfalls zu einer starken Pkw-Nutzung oder einem Pkw-Verzicht, sofern dies zeitlich möglich ist. Im Rahmen der Dissertation konnten sechs Mobilitätstypen junger Familien identifiziert werden, deren Mobilitätspraktiken jeweils auf verschiedenen Einflussfaktoren und Motiven beruhen. Zu den Mobilitätstypen zählen die Pkw-Abhängigen (10 Interviewte), die flexiblen Individualisten (6 Interviewte), die Pkw-Vermeiderinnen und Vermeider (6 Interviewte), die Multimodalen (4 Interviewte), die Pkw-Fans (3 Interviewte) und die nicht-motorisierten Einkommensschwachen (4 Interviewte). Die Hintergründe der Mobilitätspraktiken lassen sich dabei in fünf Gruppen kategorisieren, die je nach Mobilitätstyp unterschiedlich stark von Bedeutung sind. Hierzu zählen 1. sozio-demographische Faktoren (v.a. Pkw-Verfügbarkeit, Alter der Kinder, Berufstätigkeit), 2. räumliche Faktoren (v.a. Bevölkerungsdichte, ÖPNV-Taktung), 3. wegespezifische Faktoren (v.a. Wegeketten, Wegezweck, Reisezeit, Umstiege), 4. sozio-psychologische Faktoren (v.a. Habitualisierung, Vertrautheit mit einem Verkehrsmittel) und 5. verkehrsmittelspezifische Faktoren (v.a. Flexibilität, Komfort, Zuverlässigkeit).Als größte Herausforderung wird von vielen Eltern die zeitliche Organisation des Alltages inklusive der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gesehen. Besonders problematisch wird dabei die zeitliche Einhaltung der Bring- und Abholzeiten von Kindergarten und Grundschule empfunden, da bei einem maximalen Betreuungsumfang von 45h bei Vollzeitbeschäftigung jeweils lediglich 30 Minuten Zeit für den Weg zwischen Arbeitsplatz und Betreuungseinrichtung bleiben. Oftmals pendeln die Eltern jedoch in weiter entfernte Städte, so dass als Folge ein Elternteil die Arbeitszeit dauerhaft reduziert. Soziale Exklusion lässt sich bei Familien feststellen, die 1. keinen Pkw besitzen, 2. wenig finanzielle Mittel zur Verfügung haben und/oder 3. bei denen ein Elternteil alleinerziehend ist. Hier zeigen sich in besonderem Maß geographische, infrastrukturelle, zeitbasierte und ökonomische Mobilitätsbarrieren, die dazu führen, dass häufig nicht-obligatorische Wege entfallen. Als Beispiel sind Freizeitaktivitäten der Eltern und Kinder zu nennen, wie die Teilnahme der Kinder am Schwimmunterricht. Um eine von vielen Interviewten beschriebene Pkw-Abhängigkeit zu reduzieren und die Mobilität im Alltag der Familien nachhaltiger sowie insgesamt familienfreundlicher gestalten zu können, ist an mehreren Themenbereichen anzusetzen. So sind alle fünf identifizierten Faktorengruppen der Verkehrsmittelwahl zu berücksichtigen. Auch dürfen die unterschiedlichen Bedürfnisse der verschiedenen Mobilitätstypen nicht vernachlässigt werden. Darüber hinaus sind ÖPNV- und Fahrradinfrastruktur deutlich zu verbessern, damit diese als echte Alternative zum Pkw in Frage kommen. In diesem Zusammenhang ist zudem eine alternative ÖPNV-Finanzierung zu diskutieren, etwa in Form eines steuer- oder beitragsfinanzierten Bürgertickets. Eine Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ebenso notwendig wie die Reduktion mobilitätsbezogener Herausforderungen und Vermeidung sozialer Exklusion.Despite sustainability debates since the 1980s, the private car remains the most important mode of transportation in Germany. In addition to the ecological and economic dimensions of sustainability, the social aspect of mobility has become increasingly important in mobility research in recent years. Terms such as accessibility, participation in society and social exclusion are often discussed. In this context, the research focus often shifts to certain population groups that are particularly often affected by social exclusion. These include senior citizens, physically impaired and low-income people. This dissertation has examined the mobility practices of families with children less than ten years of age, as they use the car more often than any other population group and are particularly confronted with numerous challenges such as limited time budgets and increased expenditure due to having at least one child.This dissertation focuses on three research topics. First, the mobility practices of young families were examined. The background of transportation mode choice decisions as well as different basic conditions such as the spatial aspects are taken into account. Secondly, the social component of mobility was analysed in greater depth in the context of mobility-based challenges and social exclusion. Thirdly, the potential of sustainable family mobility was analysed. The needs for change were identified and alternative mobility options were examined for their acceptance by families.In order to better understand young families’ the mobility practices, a qualitative interview study was designed. This interview study builds the main part of the dissertation. By establishing contacts via primary schools, kindergartens and social media, a total of 40 mothers and fathers from four municipalities in the Rhine-Ruhr metropolitan area – from the city of Oberhausen to the small municipality of Hünxe – were interviewed in 35 interviews and 30 hours of interview material was collected. In addition to the interview study, a cross-populational questionnaire survey was carried out with 1,062 respondents as part of a master project seminar at the Geographical Institute of RWTH Aachen University. Especially on the way to/from work, mobility practices in the everyday life context of young families are strongly influenced by the use of the car. Since the majority of the interviewed families in this case study have both parents working – usually the father works full-time and the mother part-time – and often commute to work in another city, most families own two cars. Only in central residential locations with a good public transportation system, some families dispense with a second car and instead invest in a monthly public transport ticket. In everyday life, it is usually the part-time working mother who is given access to the car and does most of the care work for the children, including numerous accompanying trips. At kindergarten and primary school age, one parent usually escorts the children to the childcare facility by foot or car. In their leisure time and for shopping, depending on the family, there is either also strong car use or if possible a most widely waiver of car use. Within the frame of the dissertation, six family mobility types were identified, whose mobility practices are each based on different influencing factors and motives. The mobility types include the car-dependent (10 interviewees), the flexible individualists (6 interviewees), the car avoiders (6 interviewees), the multimodalists (4 interviewees), the automobile-fans (3 interviewees) and the non-motorised low-income families (4 interviewees). The background of mobility practices can be categorised into five groups of factors, which are of varying importance depending on the type of mobility. These include 1. socio-demographic factors (especially car availability, age of children, occupation), 2. spatial factors (especially population density, public transportation frequency), 3. journey characteristic factors (especially trip chaining, trip purpose, travel time, interchange), 4. socio-psychological factors (especially habits, familiarity with the transport mode) and 5. transport mode characteristic factors (especially flexibility, comfort, reliability).For many parents, the main challenge in everyday life is the temporal organisation including the compatibility of family and work. Particularly problematic is the adherence to the pick-up times of kindergarten and primary school, because with a maximum of 45 hours of care, there are only 30 minutes for the journey between the workplace and the childcare facility for full-time employees. However, the amount of time for commuting takes often much more time, so that as a consequence one parent permanently reduces the amount of time working.Social exclusion can be observed in families that 1. do not own a car, 2. have few financial resources and/or 3. where one parent is a single parent. Here, geographical, infrastructural, time-based and economic barriers to mobility are particularly evident, which often mean that non-compulsory journeys are no longer taken. Leisure activities of the parents and children, such as participation of the children in swimming lessons, can be mentioned as an example.In order to reduce car dependency, as described by many interviewees, and to make mobility in families’ everyday lives more sustainable and generally more family-friendly, several topics need to be addressed. Thus, all five identified groups of factors in the choice of transportation mode must be taken into account. Moreover, the various needs of the different types of mobility must not be neglected. In addition, public transportation and cycling infrastructure must be significantly improved so that they can be considered as real alternatives to the car. In this context, alternative public transportation funding should also be discussed, for example in the form of a tax- or contribution-financed citizen's ticket. Improving the compatibility of family and work is just as necessary as reducing mobility-related challenges and avoiding social exclusion in every-day life of families.
OpenAccess:
PDF
(additional files)
Dokumenttyp
Dissertation / PhD Thesis
Format
online
Sprache
German
Externe Identnummern
HBZ: HT020616386
Interne Identnummern
RWTH-2020-09032
Datensatz-ID: 801690
Beteiligte Länder
Germany