2016 & 2017
Dissertation, RWTH Aachen, 2016
Veröffentlicht auf dem Publikationsserver der RWTH Aachen University 2017
Genehmigende Fakultät
Fak07
Hauptberichter/Gutachter
;
Tag der mündlichen Prüfung/Habilitation
2016-09-28
Online
DOI: 10.18154/RWTH-2017-08033
URL: http://publications.rwth-aachen.de/record/699032/files/699032.pdf
URL: http://publications.rwth-aachen.de/record/699032/files/699032.pdf?subformat=pdfa
Einrichtungen
Inhaltliche Beschreibung (Schlagwörter)
Antifeminismus (frei) ; Diskursanalyse (frei) ; Geschlechterverhältnisse (frei) ; Rechtsextremismus (frei) ; völkischer Nationalismus (frei)
Thematische Einordnung (Klassifikation)
DDC: 100
Kurzfassung
„Das rechte Geschlecht“ Rechtsextremismus ist lange Zeit - vor allem aufgrund der Gewaltdimensionen - ausschließlich als männliches Phänomen wahrgenommen worden. Geschlechtersensible Betrachtungsweisen rücken erst seit den 1990er Jahren in den Blick wissenschaftlicher Betrachtung. Die Forschung hat sich seitdem lange auf rechte Frauen und deren Selbstbilder fokussiert. Mit einiger Verspätung fingen RechtsextremismusforscherInnen an, sich auch mit der Kategorie Männlichkeit in der extremen Rechten auseinanderzusetzen. Eine umfassende Diskursanalyse zu Geschlechterkonstruktionen der extremen Rechten lag jedoch bis dato nicht vor. In der vorliegenden Arbeit werden zentrale Publikationsorgane verschiedener Spektren der aktuellen extremen Rechten von auf Geschlechterkonstruktionen hin untersucht. So wird der geschlechterpolitische Diskurs der zeitgenössischen extremen Rechten analysiert, auf dessen Grundlage sich Subjektpositionen begründen können. Diese Annahme geht mit der Diskurstheorie Michel Foucaults davon aus, dass Diskurse insofern mit Macht verknüpft sind, als dass sie Wissen transportieren, das kollektives und individuelles Bewusstsein speist, welches die Applikationsvorgabe für Subjektivitäten bildet. Methodisch wird entsprechend die Kritische Diskursanalyse (KDA) nach Siegfried Jäger der Arbeit zu Grunde gelegt. Diese qualitative Methode der Sozialforschung fragt nicht nur nach dem Wissen, dem Sagbarkeitsfeld, sondern sie erfasst auch die Strategien, mit denen das Feld des Sagbaren ausgeweitet oder auch eingeengt wird. Entsprechend der KDA wird jede untersuchte Zeitung einer Strukturanalyse zugeführt, die das Feld des Sagbaren beschreiben soll. Eine folgende Feinanalyse arbeitet die diskursiven Strategien heraus. In synoptischen Analysen werden die verschiedenen Ergebnisse miteinander verglichen und schließlich einer Kritik zugeführt. Nach einer Definition des Feldes der Untersuchung, der extremen Rechten, die entlang der Ideologeme des völkischen Nationalismus bestimmt wird, werden die unterschiedlichen Spektren der extremen Rechten beleuchtet. Aus jedem aktuell relevanten Spektrum wird je eine Zeitung einer Diskursanalyse zugeführt: Für das neonazistische und NS-nostalgische Spektrum die NPD-Parteizeitung Deutsche Stimme (DS), für den Jungkonservatismus die Wochenzeitung Junge Freiheit (JF) und für den Rechtspopulismus die Zeitschrift nation24. Als Materialbasis werden alle Artikel dieser Zeitungen zwischen 2006 und 2012 zum Thema Geschlecht ausgewählt.Für die Analyse von Geschlechterdiskursen in der extremen Rechten ist es relevant, hegemoniale gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse vorweg zu benennen. Denn extrem rechte Diskurse stehen in einem Verhältnis zu denen des gesellschaftlichen Mainstreams. Hier wird v.a. der hegemoniale Mediendiskurs anhand verschiedener Untersuchungen für den Untersuchungszeitraum beleuchtet, der gekennzeichnet war durch einen Backlash: Antifeministische Strategien waren stets unterschwellig im Diskurs vorhanden, tauchten immer wieder auf und dominierten zeitweise den gesellschaftlichen Diskurs. Zeitgleich unterliegen Geschlechterverhältnisse dem gesellschaftlichen Wandel. Männliche Dominanz ist zwar in vielen gesellschaftlichen Bereichen weiterhin präsent, sie muss sich aber zunehmend legitimieren. Im empirischen Teil der Untersuchung stellte sich heraus, dass alle untersuchten Publikationen für sich in Anspruch nehmen, aus einer Opferperspektive heraus zu sprechen. In allen untersuchten Organen wird die eigene Position als Meinungsverboten unterliegend gekennzeichnet und auch in der Frage nach der vermeintlichen Deutungsmacht des Feminismus, der vermeintlichen Diskriminierung von Männern und Heterosexuellen ist man sich weitgehend einig. Meinungsfreiheit wird in allen drei Zeitungen/Zeitschriften als Freiheit von Kritik an den eigenen Positionen verstanden, Political Correctness ist ein zentraler Kampfbegriff. Generelle gesellschaftspolitische Vorstellungen fokussieren auf ein Gesellschaftsbild, das vor allem durch permanenten Kampf nach außen und Homogenisierung nach innen gekennzeichnet ist. Im Themenbereich Familie wird in allen drei Zeitungen/Zeitschriften von der traditionellen, heterosexuellen, patriarchalen Familie als notwendiger Ordnungsstruktur zum Erhalt des ‚Volkes‘ ausgegangen. Allerdings konstatiert man in allen drei Publikationen auch einen ‚Verfall‘ der traditionellen Familie, was entsprechend als ‚volksschädigend‘ verstanden wird. Sexualität diene im Idealfall der Reproduktion und damit dem ‚Volkserhalt‘. Sexuelle Selbstbestimmung gilt den AutorInnen von JF, DS und nation24 nicht als positiver Wert. Homosexualität wird kategorisch als unchristlich abgelehnt und als krankhaft markiert. Die AutorInnen wähnen Deutschland in einer demographischen Krise, die verschärft werde durch migrationspolitische Aspekte. Ideale Weiblichkeit wird in allen drei Publikationen systematisiert als Mutterschaft innerhalb der Ehe, als dem Mann untergeordneter Teil der traditionellen Familie. Frauen kommt dabei auch die Erziehungsarbeit zu. Dabei leistet die Frau so nicht nur Dienst am ‚Volk‘, sondern ist auch, in der DS und der JF dem Mann unterstellt. Ideale, bzw. hegemoniale Männlichkeit ist in der DS und der JF soldatische Männlichkeit. Auch die eigene publizistische Tätigkeit wird als kämpferisch dargestellt. Der Mann sei naturhaft Eroberer, Zerstörer und Schöpfer, er verhalte sich konkurrent und territorial. Soldatische Männlichkeit gilt sowohl in der DS als auch in der JF als zentraler ordnungspolitischer Faktor, ohne den Gesellschaften, bzw. ‚Völker‘ nicht überlebensfähig seien. Marginalisierte Männlichkeiten, v.a. Migranten und Muslime werden in der DS teils bewundernd, in der JF und der nation24 ablehnend als hypermaskulin beschrieben und übereinstimmend als elementare Gefahr für das deutsche ‚Volk‘ angenommen. Feminismus gilt allen drei Zeitungen/Zeitschriften als elementarer Angriff auf ideale Männlichkeit und Weiblichkeit, auf Familie und sexuelle Beschränkung. Wo in der nation24 die Rede davon ist, dass Feminismus die Identität des Menschen zerstöre, folgt in der DS und JF die völkische Zuspitzung, dass Feminismus ein Angriff aufs völkische Prinzip insgesamt sei. Feminismus wird als marxistische ‚Zersetzungsstrategie‘ als notwendige Bedingung für das ‚ungehinderte' Stattfinden von Migration verstanden. Die Semantiken, die v.a. in DS und JF im Zusammenhang mit Feminismus genutzt werden, weisen Überschneidung mit antisemitischen Semantiken auf. Die Ergebnisse der Diskursanalysen von DS und JF weisen auf eine notwendige Ergänzung der Kernideologeme des Völkischen Nationalismus nach Helmut Kellershohn hin: Heteronormativismus und ein androzentrisches Geschlechterverhältnis werden als notwendige Bedingung für die Existenz eines ‚Volkes' verstanden. Der völkische Antifeminismus der extremen Rechten findet seine Anknüpfungspunkte in hegemonialen Aussagen gegen Feminismus. Die ‚völkisch antifeministische‘ Zuspitzung dieser Aussagen liegt in dem Zusatz, dass Feminismus eine Zerstörung ‚der Völker‘ bezwecke und damit einen neoliberalen Zugriff auf das Subjekt und Migration, als negativ verstandene Phänomene, ermögliche.„The Right Gender“ For a long time, right-wing extremism - mainly due to its dimensions of violence - has been perceived as a mainly male phenomenon. It is only since the 1990s that scientific examinations have also considered gender sensitive perspectives. For a long time since then, research has mainly focused on right-wing women and their self-conceptions. With considerable delay, right-wing extremism researchers began to discuss the category of masculinity within the extreme right. A concise discourse analysis about the extreme right’s gender constructions does hitherto not exist.In this thesis, central publication organs of various current spectrums of the extreme right are examined for gender constructions. In doing so, the gender political discourse of the contemporary extreme right, on which subject positions can constitute themselves is analyzed. According to Michel Foucault’s discourse theory, this hypothesis assumes that discourses are intertwined with power in a sense that they transport knowledge that feeds collective and individual consciousness, which again forms the default applications for subjectivities.Thus, this thesis is methodologically based on Siegfried Jäger’s Critical Discourse Analysis (CDA). This qualitative method of empirical social research does not only consider the knowledge, the field of what is sayable (Sagbarkeitsfeld), but also captures the strategies by which this field of what is sayable is widened or narrowed. In accordance with CDA, every newspaper examined in this study is submitted to a structural analysis describing the field of what is sayable. An ensuing detailed analysis brings out the discoursive strategies. The various results are compared in synoptic analyses and eventually submitted to a critique. After a definition of the field of study, the extreme right, which is determined along the ideologemes of ethnic (“völkisch”) nationalism, the different spectrums of the extreme right are investigated. One newspaper from each currently relevant spectrum is subjected to discourse analysis: The NPD party newspaper Deutsche Stimme (DS) for the neo-nazi and NS nostalgic spectrum, the weekly newspaper Junge Freiheit (JF) for Young Conservatism and the newspaper nation24 for Right-Wing Populism. The material base consists of all articles dealing with the topic Gender published between 2006 and 2012 in these newspapers. Analysing gender discourses within the extreme right, it is relevant to address hegemonic societal gender ratios in advance. That is because extreme right discourses are in direct proportion to those of society’s mainstream. Here, especially the hegemonic media discourse is examined on grounds of various surveys during the course of the study. The discourse is marked by a backlash: anti-feminist strategies were at all times subtly present, emerged frequently and were at times dominating the societal discourse. At the same time, gender ratios are subject to societal change. Male dominance is still present in many areas of society, yet it has to legitimize itself increasingly. Empirical research shows that all the publications examined claim to speak from a victim perspective. In all examined organs the own position is marked as “banned opinions”. There is also a broad consensus regarding the question of feminisms’ supposed power of interpretation, the supposed discrimination of men and heterosexual people. In all three newspapers freedom of speech is understood as freedom from criticism of one's own positions, Political Correctness is a central combat term.The general sociopolitical perceptions focus on a view of society that is particularly marked by a permanent outward struggle and inward homogenization. In the subject area “family” the traditional, heterosexual, patriarchal family is regarded as the necessary structural order for maintaining the nation (Volk). However, the decline of the traditional family is also established as a fact in all three publications and is regarded as a reason for the deterioration of the nation. Sexuality is seen as ideally serving reproduction and thus the preservation of the nation. Sexual self-determination is not regarded as a positive value by the authors of JF, DS and nation24. Homosexuality is categorically rejected as un-Christian and pathological.The authors consider Germany to be in a demographical crisis intensified by aspects of immigration policy. In all three publications, ideal femininity is systemized as motherhood within the realms of marriage, as a part of the traditional family that is inferior to the man. In this regard women are also responsible for educational work. In doing so, the woman does not only serve her nation but is, in DS and JF, also subordinate to the man. Ideal, or rather hegemonic masculinity in the DS and JF is soldierly masculinity. Also the own publishing activity is depicted as pugnacious. Man was a natural conqueror, destroyer and creator, behaving competitively and territorially. Soldierly masculinity is regarded as a central regulatory factor in DS and JF without which societies or rather nations (Völker) were not able to survive.Marginalized masculinities, especially migrants and Muslims are described partially in an admiring tone in the DS whereas the JF and nation24 describe them as hyper masculine. All agree in regarding these groups a fundamental danger for the German ‘nation’.In all three newspapers, feminism is seen as a fundamental attack on ideal masculinity and femininity, on family and sexual constraint. Where in nation24 feminism is described as something destroying a person’s identity, DS and JF provide an ethnic nationalist (völkisch) perception of feminism as an attack on the ethnic nationalist principle in general.Feminism is understood as a Marxist ‘subversion strategy’; and as a necessary condition for migration taking place ‘unimpededly’. The semantics used in relation with feminism, especially in DS and JF display intersections with anti-Semitism. The results of the discourse analyses of DF and JF show that a complementation of the core ideologemes of ethnic nationalism by Helmut Kellershohn is required here: Heteronormativism and an androcentric gender ratio are understood as a requirement for the existence of a “nation”. The ethnic nationalist anti-feminism of the extreme right is also linked to hegemonic statements against feminism. The ethnic nationalist anti-feminist sharpening of these statements lies in the additional assumption that feminism’s goal was to destroy “the nations” and facilitate a neoliberal seizure of the subject and migration - as negative phenomena.
OpenAccess:
PDF
PDF (PDFA)
(additional files)
Dokumenttyp
Dissertation / PhD Thesis
Format
online
Sprache
German
Externe Identnummern
HBZ: HT019443507
Interne Identnummern
RWTH-2017-08033
Datensatz-ID: 699032
Beteiligte Länder
Germany
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